Wer durch die kleine Mannpforte ins Innere der Burg gelangen wollte, musste den Kopf einziehen, die Schultern schmal machen und sich vorsichtig durch die niedrige Öffnung schieben. Einer nach dem anderen. Genau so, wie es im Mittelalter beabsichtigt war. „Dann wissen Sie, was es bedeutet, durch eine Mannpforte in eine Burg eindringen zu wollen“, erklärte Wolfgang Stejskal. Mit Helm und Schwert und Gegnern, die das verhindern wollten, sei das noch einmal schwieriger gewesen. Und ein Pferd, fügte er trocken hinzu, habe ohnehin draußen bleiben müssen. An diesem Sonntag drohte jedoch kein feindlicher Angriff.

Rund 40 Interessierte waren gekommen, um mit Stejskal in seiner Rolle als „Wächter Wolf“ die Burg Steinsberg zu erkunden. Unter den Gästen waren Familien, Kraichgau-Urlauber und zahlreiche Einheimische. Manche kannten die weithin sichtbare Festung seit Jahrzehnten, und erfuhren während des rund zweistündigen Rundgangs dennoch viel Neues.

Alle wissen von den Steinsberg-Führungen – längst nicht alle haben eine erlebt. Das Wetter spielte ebenfalls mit. Nach der drückenden Hitze des Vortags verdeckten Wolken zeitweise die Sonne. Damit boten sich angenehme Bedingungen für den Weg vom Parkplatz hinauf durch die ringförmig angelegten Befestigungen bis zum achteckigen Bergfried.

„Mein Name ist Wolf, Wolf der Burgwächter. Also kein Ritter, sondern ein einfacher Mann“, stellte sich Stejskal zu Beginn vor. Gekleidet in weißes Gewand, braunen Überwurf und eng anliegende Bundhaube, dazu Schwert und Umhängetasche, nahm er seine Zuhörer mit in eine Zeit, in der der 333 Meter über dem Meeresspiegel aufragende Steinsberg nicht nur Aussichtspunkt, sondern weithin sichtbares Zeichen von Macht und Herrschaft war.

Schon die Lage habe Eindruck machen sollen. „Wer sich dem Berg näherte, hat sofort erkannt: Dort oben wohnt jemand von Bedeutung.“ An diesem Prinzip habe sich bis heute wenig geändert, meinte Stejskal und schlug eine seiner vielen Brücken in die Gegenwart. Große Häuser oder auffällige Autos dienten schließlich noch immer dazu, Wohlstand und Einfluss zu zeigen. „Das ist etwas ganz Menschliches.“

Zugleich räumte der Burgführer mit romantischen Vorstellungen auf. Eine mittelalterliche Burg sei nicht allein Wohnort von Rittern gewesen, sondern zugleich Wirtschafts- und Versorgungszentrum. „Eine Burg war natürlich auch nur ein edler Bauernhof oder ein befestigter Bauernhof“, erklärte er. Außer den Wohngebäuden gehörten Ställe, Werkstätten und Vorratsräume dazu.

Die Geschichte der Anlage begann um 1100 mit einer zunächst hölzernen Befestigung. Holz ließ sich schnell verarbeiten und ohne hoch spezialisierte Handwerker ersetzen. Erst nach und nach entstanden die steinernen Bauten, deren verschiedene Bauphasen noch heute am Mauerwerk abzulesen sind.

Buckelquader, Bruchsteine und zugemauerte Öffnungen waren in Stejskals Erklärungen die historischen Quellen. Dass der gelbliche Sandstein vermutlich aus einem Steinbruch bei Weiler stammte, hatte einen praktischen Grund: Kurze Transportwege sparten Kraft und Zeit.

Wie beschwerlich der Bau dennoch gewesen sein muss, verdeutlichte Stejskal anhand von Abbildungen einer Steinzange und eines mittelalterlichen Tretkrans. Am Bergfried sind bis heute mehr als 70 unterschiedliche Steinmetzzeichen zu erkennen. Sie kennzeichneten wahrscheinlich die Arbeit der einzelnen Handwerker und dienten damit auch als Grundlage für deren Bezahlung.

Den Blick lenkte Stejskal nicht nur zurück, sondern auch auf heutige Probleme der Denkmalpflege. An einem halbrunden Turm zeigte er einen deutlichen Riss im Mauerwerk. Dort treffen die Interessen zweier geschützter Denkmale aufeinander: der historischen Burganlage und einer alten Linde, deren Wurzeln das Mauerwerk belasten. Hinzu kommen Verwitterung und Taubenkot. Es seien „zwei Prinzipien, die gegeneinander arbeiten“, beschrieb der Burgführer das Dilemma.

Wie sehr auf einer Höhenburg jeder Tropfen Wasser zählte, zeigt die rund zehn Meter tiefe Zisterne. Das dort gesammelte Regenwasser diente vor allem dem Vieh und als Löschreserve für die zahlreichen Holzbauten. Trinkwasser musste hingegen aus Quellen heraufgebracht werden.

Bei seinen Erklärungen bezog der Burgwächter die Gruppe immer wieder ein, stellte Fragen und ließ die Besucher selbst überlegen. So ging es um die Vorteile der Armbrust gegenüber dem Bogen, um Schießscharten, rechtsherum führende Zugänge und die Verteidigung der Mauern.

Auch mit einem verbreiteten Bild aus Ritterfilmen räumte er auf: Kochendes Pech sei viel zu wertvoll gewesen, um es auf Angreifer zu schütten. Selbst die mittelalterliche Toilette wurde nicht ausgespart. Der Abort ragte aus der Mauer hinaus, die Hinterlassenschaften fielen in den Graben. Stejskal verwies darauf, dass auch Jahrhunderte später in großen Schlossanlagen keineswegs überall Toiletten vorhanden gewesen seien.

Ein wichtiges Kapitel war der Bauernkrieg von 1525 – erst acht Jahre zuvor war die Burg in den Besitz der Herren von Venningen gelangt. Agnes von Venningen soll den aufständischen Bauern die Tore geöffnet haben. Alles Brennbare sei im Burghof aufgeschichtet und damit laut Chronik ein „Lustfeuerlein“ entzündet worden sein. Die Mauern selbst blieben stehen. Mehr Interesse als an der Zerstörung der Festung hätten die Bauern schließlich an der gut mit Wein gefüllten Stiftskellerei in Sinsheim gezeigt, erzählte Stejskal mit einem Augenzwinkern.

Bis 1973 blieb die Burg im Besitz der Familie von Venningen, bevor sie an die Stadt Sinsheim verkauft wurde. Der Bergfried aus dem 13. Jahrhundert blieb das markanteste Bauwerk der Anlage. Seine achteckige Form brachte Stejskal mit der staufischen Baukunst und dem Castel del Monte in Süditalien in Verbindung. Die zahlreichen Steinmetzzeichen und Spuren mittelalterlicher Hebewerkzeuge ließen erkennen, welcher Aufwand hinter seiner Errichtung stand.

Die angekündigten eineinhalb Stunden waren da gerade, kaum spürbar, überschritten. Die Burg Steinsberg hat viel spannendes Wissen zu bieten, und die Gruppe folgte aufmerksam bis zur letzten Station. Eine Teilnehmerin brachte Stejskals Führung auf den Punkt: „Er hat eine schöne, ruhige Art, da kann man richtig entspannen.“

Dazu kamen kleine Scherze, spontane Abschweifungen und immer neue Verbindungen zur Gegenwart. „Mir macht’s vor allem Spaß“, sagte der Burgführer, als früherer Geschichtslehrer am Wilhelmi-Gymnasium vielen in guter Erinnerung. Dass dies nicht nur eine Floskel war, spürten die Besucher während des Rundgangs.

Am Ende wartete der Aufstieg auf den Bergfried. Von dort öffnete sich der Blick weit über die Felder, Dörfer und sanften Hügel des Kraichgaus. Spätestens dort wurde deutlich, weshalb die Burg Steinsberg seit Langem als Kompass des Kraichgaus gilt. Selbst Menschen aus der Region sahen diesen vertrauten Ort nach einer Führung mit „Wächter Wolf“ mit anderen Augen. Veranstaltet wurde die Führung vom Förderverein Burg Steinsberg.

 

Quelle: RNZ 18.8.2026 / Berthold Jürriens