Mittelalterfest begeisterte auf dem Steinsberg  

Es wurde eine gelungene Zeitreise, die Tausende Besucher bei Kaiserwetter auf die Burg zog.

   Von Berthold Jürriens / RNZ

 

Sinsheim-Weiler. Der Weg zur Burg Steinsberg ist schon für sich ein Erlebnis. Wer den gewundenen Hügelpfad hinauf nimmt, dem weist schon aus der Ferne der markante achteckige Bergfried den Weg. Fast ein wenig trotzig überragt der Turm die sanften Hänge der Kraichgauer Weinberge, als hätte er nie aufgehört, über das Land zu wachen. Unten am Fuß des Hügels parkten am Wochenende die Autos dicht an dicht, oben aber, hinter dem mächtigen Burgtor, wartete eine andere Welt.

 

Der Gaukler war bei Kindern und Erwachsenen beliebt. 

 

Wer hindurch schritt, mancher im Alltagsgewand, mancher in mittelalterlicher Gewandung, der tauchte ein ins neuzeitliche, rundum schöne Mittelalter. Ritter in klirrender Rüstung, Burgfräulein in wallenden Gewändern, bärtige Schmiede, tänzelnde Gaukler, umherziehende Musikanten und Händler mit wundersamen Waren bevölkerten die historische Anlage. Das Mittelalterfest auf der Burg Steinsberg war ein voller Erfolg. An zwei strahlend sonnigen Tagen strömten tausende Besucher auf die Anlage und erlebten ein Fest, das zwar überschaubar in seiner Größe, dafür aber umso schöner in seiner Atmosphäre war.

 

Die Freude war den Gästen regelrecht ins Gesicht geschrieben. Am Samstagvormittag machte der Artillerie-Bund Sankt Barbara aus Waibstadt mit drei donnernden Kanonenschüssen unmissverständlich klar: Das Fest ist eröffnet. Der Knall hallte weithin über die Hänge, dichter Pulverdampf zog durch die Luft. Dann setzte sich der festliche Einzug in die Burg in Bewegung, begleitet von Trommelklang, schwenkenden Fahnen und vom Ensemble „Des Geyers schwarzer Haufen“, das mit Sackpfeife und Drehleier für die passenden Klänge sorgte. Einige Besucher hatten den Weg schon in die Burganlage gefunden und drängten sich rechts und links des Wegs.

Darunter auch Oberbürgermeister Marco Siesing mit Familie. Sichtlich angetan von der Stimmung und dem Treiben zog er ein positives Fazit: „Ein schönes Fest, das sich immer lohnt.“ Über beide Tage hinweg bot das Programm ein dichtes Wechselspiel aus Vorführungen, Musik und Mitmachangeboten, das den Besuchern kaum eine ruhige Minute ließ, und das auf eine ganz und gar angenehme Weise.

Auf dem Turnierplatz unterhalb der Burg lieferten sich die „Federfechter“ immer wieder spektakuläre Schaukämpfe: Lange und kurze Schwerter klirrten aufeinander, Hellebarden sausten durch die Luft. Im Burginnenhof unterhielt der Gaukler „Der ehrliche Nils“ sein Publikum mit einer Mischung aus Jonglage, Zaubertricks und trockenem Humor, der auch die Erwachsenen zum Lachen brachte.

Rund um die Burg gab es einen Einblick in das Lagerleben. Fahnenschwinger ließen ihre bunten Banner in kunstvollen Bögen durch den Sommerhimmel ziehen. Und im Märchenturm versammelten Märchenerzählerinnen eine wachsende Schar junger Zuhörender um sich, die mit großen Augen und offenen Mündern den alten Geschichten lauschten. „Ich habe schon einige Mittelalterfeste besucht, manche sind riesig und man verliert sich darin“, erzählte Thomas, der mit seiner Familie aus Mosbach gekommen war. „Hier ist es anders. Überschaubar, familiär, man kommt wirklich mit den Leuten ins Gespräch. Das hat einen ganz eigenen Charme.“

 
 
 

Mittendrin in der farbenprächtigen Menge: Alexander aus Helmstadt-Bargen, seine Frau Jessica und die beiden Söhne Nico und Mirko. Die Familie ist ein echtes Urgestein der Mittelalter-Szene, und man sah es auf den ersten Blick. Alexander trug eine beeindruckende Rüstung, die ihn der Zeit von Harald Blauzahn, dem legendären Wikingerkönig des 10. Jahrhunderts, zuordnet.

Sein Helm allein brachte acht Kilogramm auf die Waage; das Kettenhemd darunter bestand aus rund 69.000 einzelnen Plättchen, die alle von Hand ineinandergeschlungen sind. Das Anlegen der gesamten Rüstung dauert gut dreißig Minuten. Ein Ritual, das offenbar zur Einstimmung gehört. „Wir haben alles nach und nach zusammengekauft“, erzählte Alexander.

 
 
 

Schwert, Kette, Helm, Schild, Schuhe und Leinenhemd: die Authentizität der Ausrüstung war bemerkenswert, die Liebe zum Detail in jedem Accessoire spürbar. Besonders schön: Die Begeisterung hat längst auf den Nachwuchs abgefärbt. Auch Sohn Nico trug stolz ein selbst zusammengestelltes Kostüm und marschierte mit dem Ernst eines kleinen Recken neben dem Vater her.

Dass das Wetter an diesem Wochenende angenehm und nicht zu heiß ausgefallen war, empfand Alexander als Glücksfall. „In voller Rüstung ist jedes Grad Celsius ein Thema“, sagte er mit einem Grinsen. Jessica nickte bestätigend. „Es ist einfach schön, Gleichgesinnte zu treffen. Es ist auch eine Art Ausbruch aus dem Alltag, eine Art Entschleunigung“, findet die IT-Spezialistin.

Wer nicht kämpfte und nicht lauschte, der flanierte. Und wer flanierte, der staunte. Entlang der Marktstände unterhalb des Zwingers duftete es nach Knoblauchbrot, geräuchertem Fisch und frisch gebackenen Waffeln. Eine olfaktorische Zeitreise für sich. Rustikale Gaumenfreuden – auch mal die einfache Currywurst oder geröstete Kartoffeln – standen neben süßen Versuchungen, und wer zwischen all den Eindrücken Hunger bekommen hatte, fand reichlich Gelegenheit zur Stärkung. „So richtig den Wanst vollschlagen kann man sich hier“, kommentierte ein als Mönch gekleideter Besucher mit Vergnügen und traf damit den Ton vieler seiner Mitbesucher.

Die Händler und Handwerker aus Nah und Fern machten den Markt zum eigentlichen Herzstück des Festes. Ein Schmied präsentierte an seinem Stand die Kunst des Feuers und des Ambosses; Lichtermacher zeigten das alte Handwerk der Kerzenproduktion; fein gearbeitete Objekte aus Keramik, Bronze und Leder sowie Pyrographie auf Holz, Horn und Knochen luden zum Bestaunen und Kaufen ein.

Wer wollte, konnte mittelalterlich anmutende Gewänder, Felle, Tücher, Schmuck oder Kopfbedeckungen erwerben; wer tapferer gestimmt war, fand Schwerter und Rüstungsteile. Am Stand des Metbrauers wurde in einer Sprache geworben, die den Zeitgeist des Festes auf das Trefflichste einfing: „Ich sehe es wohl, ihr habt einen trefflichen Geschmack. Just von diesem Tuche hat sich meine Base erst kürzlich einen Rock gefertigt.“

Man kaufe hier „keine Massenware“, befand Sabine aus Eppingen, die mit einer Freundin durch die Stände schlenderte und ein handgefertigtes Ledertäschchen in den Händen hielt. „Das hier hat jemand gemacht, der weiß, was er tut. Das merkt man.“ Besonders für Kinder hatte das Fest einiges zu bieten. Bogenschießen und das mittelalterliche Mäusewerfen brachten strahlende Gesichter hervor; Kinderschminken und Haarflechterey“, verwandelten die Jüngsten in kleine Burgfräulein und tatkräftige Ritter, die anschließend mit leuchtenden Augen durch die Burg stolzierten.

 
 
 

Ein handbetriebenes Karussell drehte fröhlich seine Runden, und wer Kerzen ziehen wollte, konnte das ebenfalls ausprobieren. Den krönenden Abschluss des Samstagabends bildete das Feuerspektakel unterhalb der Burg, das Lust auf den Sonntag machte. Wieder füllten Ritter, Händler und Musikanten die Burganlage, wieder summte der Innenhof vor Leben. Das Wetter spielte mit, die Stimmung blieb bis zum Marktende entspannt und herzlich. Genau die Mischung aus Lebendigkeit und Gemächlichkeit, die das Mittelalterfest auf der Burg Steinsberg von lauteren Großveranstaltungen unterscheidet.

„Es ist kein riesiges Spektakel“, hatte eine Besucherin gesagt, „aber genau das ist es, was ich daran liebe. Man kommt hierher, atmet durch, schaut, staunt und geht mit einem Lächeln wieder nach Hause.“ Besser hätte man es kaum sagen können.

 

Quelle : RNZ 27.4.2026